Freitag 24.09.2010 20:30 Uhr
"Landschaftsgeschichten"
Ein Dokumentarfilm über die Höri und den Hegau von Markus Welsch
Über ein Jahr lang haben drei Berliner Filmemacher im Hegau und auf der Höri an einem Film gedreht; in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. In Kooperation mit ARTE, SWR und der Baden-Württembergischen Filmförderung MFG produzierte die Produktionsfirma noirfilm mit dem gebürtigen Singener Regisseurs Marcus Welsch und den Produzenten Didi Danquart und Nico Hain den Dokumentarfilm "Landschaftsgeschichten".
Die Höri und der Hegau sind nicht überall in der Republik bekannt. Doch hat dieser geschichtsträchtige Teil der Republik mehr zu erzählen, als allgemein bekannt. Das liegt nicht nur an den erstklassischen Bildern der Kameramänner Axel Schneppat und Stefan Grandinetti oder den Tonaufnahmen von Raimund von Scheibner und Johannes Schmelzer-Ziringers, die so manch ungewohnten Eindruck von der vertrauten Landschaft ermöglichen. Der Film nimmt vor allem die Menschen ernst und beobachtet ihre Lebensweise, ihre Wünsche und Träume, vor allem aber ihren Umgang mit der Landschaft.
Dabei kommen überraschende Details über die Geschichte dieser Gegend zur Sprache. Fluchtgeschichten und die Grüne Grenze werden unter die Lupe genommen. Hannelore König erzählt von Ihrer Familie und Ihrem Vater Nathan Wolf; aber auch wie sich Wangen seit ihrer Kindheit verändert hat. Der Arzt Dr. Wollheim rekonstruiert als leidenschaftlicher Archäologe die Geschichte von Orsingen und die Ausflüge deren Bewohner bis an den Tigris. Auf dem Oberbühlhof müssen 80 Hühner für die ausgehungerte Künstlerschaft gezüchtet werden. Und während Jan Dix über den Verdruss seines Vaters in der "zum kotzen schönen Landschaft" nachdenkt, knallt plötzlich die jüngere Zeitgeschichte mit der RAF in die Idylle des Hegaus.
Das Bootsstüble Wangen lädt zu einer Diskussionsveranstaltung ein und wird im Anschluss an die Projektion des Films mit dem Regisseur verschiedenste Aspekte der Entstehung, der Hintergründ und der Ästhetik des Films zusammen mit dem Publikum diskutieren. In diesem Werkstadtgespräch sollen zum ersten Mal auch ausführlich über den Entstehungs- und Schnittprozess gesprochen werden. Wie wählt man aus einem Fundus von 60 Stunden Rohmaterial die richtigen Szenen aus? Was hat mehr gewicht, Geschichte oder die Geschichten? Wie finden sich die richtigen Kameraeinstellungen für einen Landschaftsfilm? Wie geht man mit Wetter und Jahreszeiten um?
Der Film versucht die Wechselwirkung zwischen Landschaft und Biografie zu begreifen. Dabei geht es dem Dokumentarfilm weniger um die Zeitzeugenschaft, wie man sie aus den gängigen History-Formaten kennt. Er lässt den Leuten Zeit und schaut ihnen beim sprechen zu. Das ist zu weilen unterhaltsamer als so manches Archivmaterial. Wer bis zu diesem Zeitpunkt den Wortwitz des Landwirts Hans Hassler noch nicht kennen gelernt hat, sollte diesen Film nicht verpassen.
Der Film geht der Vermutung nach, dass die Landschaft eine eigene Dynamik des Wegziehens und Zuziehens provoziert. Die Konfrontation zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen wirft die Frage auf, wer diese Gegend und ihre Mentalität tatsächlich geprägt hat.
Wie bei einem Menschen verändert sich auch das Gesicht einer Landschaft im Laufe der Zeit. Die letzten hundert Jahre haben diese Landschaft tief greifend verändert, Metamorphosen und Narben sind überall sichtbar. Doch wie schlägt sich dieses "Gesicht" auf das Gemüt der Leute nieder; wie weit hat diese eigenwillige Topografie eine eigene Mentalität geprägt?